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Die Beutekunst der Finanzkrieger

    Do, 30/09/2010 - 12:02 – S.Grönwoldt

    Wer kennt ihn nicht, den süffisanten Börsenspruch: „Das Geld ist nicht weg, es gehört nur jemand anders“. Das geflügelte Wort stammt angeblich vom milliardenschweren Spekulanten André Kostolany. Und der hatte gut Reden, zumal sein Vermögen den philosophischen Gehalt seines Gedankensplitters eindrucksvoll untermauerte. Erfolglose Anleger bringen derartige Weisheiten hingegen eher selten über die Lippen.

    Zu den humor- und fantasielosen Investoren gehören in der Regel auch die zahlreichen Privatanleger, deren Hausbanken vor rund zwei Jahren den Kauf von Zertifikaten eines Emittenten empfahlen, der in höheren Bankierskreisen wahrscheinlich schon Monate zuvor als Bauernopfer und Symbol der 2008 einsetzenden Finanzkrise galt: Die US-amerikanische Investmentbank Lehman Brothers. Denn seit der Insolvenz des - mittlerweile nur noch traditionsreichen - Bankhauses warten die meisten privaten Gläubiger vergeblich auf eine Entschädigung.

    Institutionelle Anleger durften sich hingegen früh am spärlichen Nachlass der US-Investmentbank bedienen: Unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Bankhauses im September 2008 verkündete die britische Universalbank Barclays die Übernahme großer Teile des US-Geschäfts aus der Insolvenzmasse von Lehman Brothers. Und wenige Wochen später einigte sich die Mehrheit der von der Insolvenz betroffenen europäischen Banken mit den Nachlassverwaltern auf die Rückzahlung von immerhin rund 11 Milliarden US-Dollar. Privatanleger waren bei den entsprechenden Verhandlungen in London und New York nicht anwesend.

    Der Bärenanteil der Insolvenzmasse dürfte mittlerweile ohnehin vergeben sein. Als Nachspeise des Leichenschmauses werden in diesen Tagen allerdings noch einige Vermögenswerte der ehemaligen Investmentbank liquidiert. Bei Christie's in London kamen im September bereits die Firmenschilder, Möbel, Uhren, Schiffsmodelle und chinesischen Porzellanvasen von Lehman Brothers unter den Hammer. Und bei Sotheby's in New York wurden kürzlich die Filetstücke der Kunstsammlung, die einst die Wände der New Yorker Zentrale von Lehman Brothers schmückten, erfolgreich versteigert. Insgesamt will das US-Auktionshaus in den kommenden Monaten 447 Kunstwerke aus der Konkursmasse von Lehman Brothers meistbietend verkaufen.

    Das Ergebnis der ersten Versteigerung bei Sotheby’s hat derweil verdeutlicht, dass die Investmentbanker (genauer: die Kuratoren der US-Investmentgesellschaft Neuberger Berman, die 2003 samt ihrer Kunstsammlung von Lehman Brothers übernommen wurden) bei zeitgenössischer Kunst ein glücklicheres Händchen hatten als bei Immobiliengeschäften: Die auf der Versteigerung in Manhattan erzielten Erlöse lagen deutlich über den Einkaufspreisen, die die Bankiers in den vergangen Jahrzehnten für die Kunstwerke gezahlt hatten.


    Kunst als Spekulationsobjekt: In den USA in jüngster Vergangenheit häufig lukrativer als Immobilien

    Der Rekordpreis von umgerechnet 767.285 Euro wurde auf der Sotheby's-Auktion "Selected Works from the Neuberger Berman and Lehman Brothers Corporate Art Collections" von einem privaten Kunstsammler für das Gemälde „Untitled 1“ der Äthiopierin Julie Mehretu gezahlt, während das Ölgemälde „The Long Way Home“ des chinesischen Malers Liu Ye für satte 962.500 US-Dollar (722.261 Euro) über den Auktionstisch ging und Glenn Ligons "Invisible Man (Two Views)" mit 434.500 US-Dollar (326.049 Euro) doppelt so viel einbrachte wie erwartet. Auch drei Werke des deutschen Malers Gerhard Richter gehören zu den zehn teuersten der 142 versteigerten Werke. Insgesamt nahm das Aktionshaus Sotheby's durch die Versteigerung knapp 12,3 Millionen US-Dollar (9,1 Millionen Euro) ein.

    Die Erlöse der Auktion sollen nun den Gläubigern von Lehman Brothers zufließen. Allerdings ist der Betrag von 12,3 Millionen US-Dollar angesichts der ursprünglichen Gesamtforderung von über 600 Milliarden US-Dollar dann doch eher unbedeutend. Und ohnehin bleibt wieder einmal die Frage, welche Gläubiger mit dem Geld zuerst bedient werden.

    Zu den mehrheitlich anonymen Käufern der versteigerten Kunstwerke bei Sotheby’s könnten derweil auch wieder die Kuratoren von Neuberger Berman gehören, denn schließlich wurde der Investmentbereich der Gesellschaft im Rahmen der Insolvenz von Lehman Brothers ausgegliedert und gehört seit Ende 2008 den Beschäftigten. Die solventen Kunstliebhaber und/oder Spekulanten, die auf der Auktion einen Zuschlag erhielten, könnten aber durchaus auch zum Kreis der Gläubiger von Lehman Brothers gehören. In jedem Fall sind teure Kunst und Geld dann nicht wirklich weg - aber sie gehören auch niemand anders.

    Sven Grönwoldt

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