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Unser Konsum: Konstante eines maroden Systems?

    Mi, 02/02/2011 - 10:55 – S.Grönwoldt

    Die aktuellen Konjunkturdaten haben bereits zahlreiche Volkswirte zu gewagten Prognosen für 2011 veranlasst. Allein für die USA erwarten die Wirtschaftsauguren ein Wachstum von rund 3,5 Prozent. Die Konjunkturbremse wurde also scheinbar auch jenseits des Atlantiks gelöst. Und eine entscheidende Determinante für die wirtschaftliche Entwicklung ist und bleibt dabei der private Konsum.

    Der US-Einzelhandel meldete in der zweiten Januarwoche zwar nur ein Umsatzplus von 0,6 Prozent für den Vormonat und belegte damit eine leichte Normalisierung der kräftigen Konsumdynamik im zweiten Halbjahr 2010. Doch insgesamt ist die Stimmung unter den Konsumenten durchaus positiv. Auch die Universität von Michigan konnte das freundliche US-Konsumklima kürzlich erneut belegen: Der entsprechende Index, der zu den wichtigsten Stimmungsbarometern für das Kaufverhalten der US-Verbraucher zählt, lag im Januar zum Erstaunen vieler Volkswirte bei 74,2 Punkten.

    Und die Ende Januar vom United States Department of Commerce veröffentlichten Schätzungen zu den privaten Ausgaben im vierten Quartal 2010 ließen ebenfalls alle Zweifel an der Leistung der US-Konsumenten verblassen: Das Bureau of Economic Analysis rechnet für das vierte Quartal 2010 mit einem Anstieg der persönlichen Konsumausgaben (Personal Consumption Expenditures) in der Jahresrate um satte 4,4 Prozent – das wäre immerhin der größte Zuwachs seit dem ersten Quartal 2006.

    We shop ’til we drop

    Die US-Bürger jedenfalls verlernen das Einkaufen nicht so schnell. Und auch außerhalb der hochverschuldeten USA ist die Konsumfreude groß. Nach aktuellen Schätzungen des Statistischen Bundesamtes stieg der Umsatz beim deutschen Einzelhandel 2010 im Vergleich zum Vorjahr um rund 2,7 Prozent. Und für die Zukunft überwiegt ebenfalls Zuversicht: Der Handelsverband Deutschland (HDE) freut sich über einen anhaltenden Boom und rechnet 2011 mit einem weiteren Umsatzplus von gut einem Prozent.

    Allerdings sind in Deutschland in den vergangenen Monaten auch die Löhne und Gehälter gestiegen. Im dritten Quartal 2010 lag das verfügbare Einkommen 2,5 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum. Bereinigt um die Preissteigerungen bedeutet das immerhin noch ein Plus von 1,3 Prozent. Gemessen am Verbraucherpreisanstieg von 2,6 Prozent sind die realen Stundenlöhne in den USA hingegen auf Vorjahresniveau geblieben. Und einer aktuellen Umfrage der Universität von Michigan zufolge erwarten die US-Verbraucher in den kommenden zwölf Monaten einen weiteren Preisanstieg von 3,3 Prozent.

    Das Konsumverhalten der privaten US-Haushalte ist aus deutscher Sicht ohnehin schwer nachvollziehbar. Zwar konnte die Sparquote in den USA zwischenzeitlich wieder das Niveau von 5,4 Prozent erreichen und im Dezember ein beigelegter Steuerstreit für Erleichterungen der Steuerzahler und somit für zusätzliche Kaufanreize von mehreren Hundert Milliarden Dollar sorgen. Doch der US-Konsum basiert deshalb trotzdem vornehmlich auf geliehenem Geld. Tatsächlich sind nämlich die US-Schulden mittlerweile auf über 118 Prozent des verfügbaren Einkommens gestiegen. Wie man es also dreht und wendet: Von einem geschlossenen Wirtschaftskreislauf ohne staatliche Aktivität kann in den USA längst nicht mehr gesprochen werden.

    Klimakiller Konsum

    Wie lange der Konsum noch unser Wirtschaftssystem stützen kann, ist schwer abzusehen. Kurzfristig erwarten zumindest die Börsenastrologen einen heißen und langen Sommer mit starken Zuwächsen in der Konsum- und Luxusgüterindustrie sowie in der Tourismusbranche. Wer die vielen Waren und Dienstleistungen allerdings bezahlen soll, steht derweil auch noch in den Sternen.

    Mittel- bis langfristig bedeutet die Abhängigkeit unseres Wirtschaftssystems vom eifrigen Privatkonsum allerdings eine Gefahr, die Ökonomen immer wieder missachten: Der weltweite Konsum ist der Klimakiller Nummer Eins. Zwar werden die Umwelttechnologien effizienter, die Gesetze schärfer und die Konzepte unternehmerischer Verantwortung umfassender. Doch unsere verantwortungslose Konsumkultur rechtfertigt das nicht. Wir müssen lernen, dass kaufen nicht nur glücklich, sondern auch krank macht.

    Das renommierte US-amerikanische Worldwatch Institute hat in seinem aktuellen Bericht wieder einmal Zahlen präsentiert, die kaum mehr verwundern, aber dennoch beeindrucken: Knapp ein Drittel des weltweiten Konsums erfolgt in den USA. Dort leben jedoch nur rund fünf Prozent der Weltbevölkerung. Und in den meisten europäischen Ländern bleibt verantwortungsvolles Konsumverhalten ebenfalls ein frommer Wunsch. Dabei wissen wir längst, dass unser Planet nur rund ein Fünftel der Erdbevölkerung ernähren könnte, wenn alle Menschen die Konsumgewohnheiten eines durchschnittlichen US-Amerikaners oder Europäers annehmen würden. Als Basis unserer Existenz und als Konstante eines globalen Wirtschaftssystems kann der Konsum also nicht mehr lange dienen.

    Sven Grönwoldt

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