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Wem geht´s denn nun an den Kragen?

    Do, 20/11/2008 - 12:14 – S.Grönwoldt

    Der US-amerikanische Soziologe Edwin Hardin Sutherland hatte es schon in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts erkannt: Kriminalität wird nicht nur von Angehörigen notdürftiger Unterschichten verübt, sondern maßgeblich auch von „ehrbaren Personen mit hohem sozialen Ansehen im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit“. Sutherland nannte es bildlich „White Collar Crime“ – ein Begriff, der seitdem immer wieder gern in politisch-ideologischen Zusammenhängen und besonders auch in Zeiten wirtschaftlicher Rezessionen aufgegriffen wird. 1986 betitelte sogar die bissige Popdiva Grace Jones einen ihrer Songs „White Collar Crime“ und sang im Refrain: “White collar crime, you had the time / Blue collar crime, you’ll do time every time“ (frei übersetzt: Während die hohen Herren ihre Verbrechen in aller Ruhe ausüben, verbüßen die Malocher ihre Straftaten stets im Knast).

    Für Kriminologen ist der Begriff „White Collar Crime“ derweil kaum noch relevant. Das gesamte Spektrum der Wirtschaftskriminalität erfordert heute differenziertere Ansätze. Die aktuelle öffentliche Debatte über Milliardenverluste und die Suche nach Schuldigen ist aber selbstverständlich noch immer durch Pauschalurteile geprägt – obwohl wir doch eigentlich alle wissen, dass hinter den großen symbolischen Namen Ackermann, Fuld und Funke ein durchaus kompliziertes System steht: ein System, dass die Milliardenverluste erst ermöglicht.

    Im letzten Lagebericht des Bundeskriminalamtes zur Wirtschaftskriminalität lesen wir: „Im Jahr 2007 war den rund 88.000 Wirtschaftsdelikten eine Schadenssumme von 4,12 Milliarden Euro zuzuordnen.“ Derartige Summen klingen heute kaum noch spektakulär, und die Zahlen für 2008 dürften mit ziemlicher Sicherheit über denen des Vorjahres liegen. Allerdings wurde noch nicht entschieden, welche Verluste des laufenden Jahres tatsächlich am Ende in den Bereich der Wirtschaftskriminalität fallen – und wie viele Herren mit weißem Kragen demnach wieder unbeschadet davonkommen.

    Dabei ist die Problematik einer auch nur annähernd lückenlosen Strafverfolgung von Wirtschaftsdelikten wahrlich kein neues Phänomen. Experten schätzen, dass in den vergangenen Jahren nur jede fünfte Straftat mit wirtschaftskriminellem Hintergrund zur Anzeige kam, und das Handelsblatt berichtete im November 2006 zu diesem Thema: „Eines der größten Probleme bei der Aufdeckung von Wirtschaftsstraftaten ist die Tatsache, dass viele deutsche Manager nicht wissen, an wen sie sich in so einem Fall wenden sollten – wenn sie aus Imagegründen den Gang zur Polizei oder Staatsanwaltschaft scheuen.“ Bei derartigen Verhältnissen ändern sich unweigerlich Prioritäten und letztlich auch moralische Einstellungen.

    Sutherland sah schon zu seiner Zeit eine gesellschaftlich geprägte und zunehmend positive Einstellung gegenüber Gesetzesverletzungen als Ursache hoher Kriminalitätsraten. Das klingt einfach und erinnert durchaus an heutige Verhältnisse. Übrigens, auch Grace Jones findet am Ende ihres Songs „White Collar Crime“ eine recht simple Erklärung: „It’s all the same, money power game / All the same, money power game”.

    Vielleicht sollten wir uns alle einreihen in das große Spiel der Unverantwortlichen in Politik und Wirtschaft und möglichst viele Kredite aufnehmen – anstatt mühsam zu überlegen, wo und wie Erspartes sinnvoll angelegt wird. Ohne Rücksicht auf Verluste und mit einem Stapel Kreditkarten im teuren Jackett könnten wir in Saus und Braus leben und dem Ende gelassen entgegensehen. Denn schließlich werden die weltweit angehäuften Schulden ja ohnehin niemals zurückgezahlt. Stattdessen kommt gewiss in absehbarer Zeit eine globale Amnestie (sozusagen eine Schlussstrichamnestie für den Kapitalismus) – und dann ist derjenige schön blöd, der vorher nicht ordentlich auf Pump gelebt hat.

    Nein, Scherz beiseite: Jeder ist seines Glückes Schmied und dabei selbstverständlich auch für sein Handeln und seine eventuellen Fehler oder Verluste verantwortlich. Egal ob im Blaumann oder im Nadelstreifenanzug.

    Sven Grönwoldt
     

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