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Ode an das Shortselling

    So, 24/08/2008 - 13:36 – M.Pickert

    Sehr geehrte Leser, vorweg gebe ich es gerne zu: Ich bin ein Shortseller! Wenn ich mich zwischen zwei CFD-Trades entscheiden muss, welche ähnliche Parameter haben (z.B. Chance-Risiko-Verhältnis, Liquidität und Volatilität des Instrumentes etc.), wobei der eine ein Long- und der andere ein Shorttrade ist, dann entscheide ich mich meistens für den Leerverkauf.

    Dieses wird auch schon beim Anblick meines Arbeitsplatzes sichtbar. Hier finden sich zum einen der bei Tradern so beliebte „Decision Maker“ - eine kleine Kugel, die dem Händler, der handeln möchte ohne eine eigene Meinung zu einer Aktie zu haben, die Entscheidung abnimmt. Meine Mutter freut sich schon seit Jahren regelmäßig, wenn die Auswahl auf „Ask Mom“ fällt und ich sie daraufhin anrufe, um zu fragen ob ich kaufen oder verkaufen soll. Neben diesem manchmal so hilfreichen Tool steht, klassisch in Messing gehalten, eine kleine Bärenskulptur. Das Set der Figuren wird durch den in der Mitte platzierten Buddha vervollständigt, welcher ein Mindestmaß an innerer Ruhe und Ausgeglichenheit sicherstellen soll.

    Die Gründe für meine bevorzugte Wahl des Shorttrade sind auf den ersten Blick denkbar einfach:

    - Für CFDs muss ich bei einer Shortposition keine Finanzierungszinsen zahlen, ich bekomme diese bei einem entsprechend hohen Zinssatz der Handelswährung sogar anteilig ausgezahlt. Somit kann ich die Position bedenkenlos auch für eine längere Zeit halten, ohne befürchten zu müssen, dass die Finanzierungskosten meine Rendite schmälern.

    - Die Betrachtung von vielen Charts macht es deutlich: Angst ist im Zweifel stärker als Gier. Das heißt, die Kurse fallen oftmals viel schneller als sie steigen. Somit sehe ich bei einer Shortposition früher, ob es sich um einen profitablen Trade handelt. Wenn dies nicht der Fall ist, kann ich die Position schließen und die frei gewordene Margin für die nächste Tradechance  einsetzten. Dieser Zeitvorteil bei Leerverkäufen ist nicht zu unterschätzen.

    Neben diesen offensichtlichen Gründen gibt es aber auch noch andere Aspekte, die mich zu der Überzeugung geführt haben, dass Shortselling in keiner Weise etwas schlechtes oder gar unmoralisches ist und ich mich mit solchen Positionen sichtlich wohl fühle. Dies liegt sicherlich maßgeblich an meinem beruflichen Werdegang. Zwischen 1998 und Anfang 2000 wurde ich zum Bankkaufmann ausgebildet. Die Ausbildung zielte primär darauf ab, aus mir einen Bankberater, also einen Verkäufer am Schalter, zu machen. Dank eines neuen Ausbildungskonzeptes gelang es mir, für wenige Wochen in die Handelsabteilungen und Investmentdivisionen meiner Bank hineinzuschnuppern, was in mir den Wunsch heranwachsen ließ, in absehbarer Zeit in einer dieser Abteilungen zu arbeiten.

    Als ich dann im Februar 2000 meine Ausbildung abgeschlossen hatte und meinen Traumjob im Bereich des Eigenhandels der Bank angefangen hatte, wurde mir von meinem Teamleiter, einem alten „Börsen-Haudegen“, vom ersten Tag an eingebläut, dass es vollkommen egal ist, ob ich Long oder Short im Markt bin, solange ich nie mein Riskolimit überschreite und dabei Gewinne erziele. Der Crash im Jahr 2000 fing wenige Wochen nach meinem ersten Arbeitstag im Handel an und bedingt durch unser Geschäft der Arbitrage, bei der wir Kursunterschiede einer Aktie an verschiedenen Handelsplätzen ausnutzten, waren die Begrifflichkeiten Long und Short für mich – wie von meinem Teamleiter gefordert - bald vollkommen austauschbar, wobei ich mich natürlich bei einem Leerverkauf um die Leihe der Stücke für die Belieferung des Geschäftes kümmern musste - übrigens eine Handlung, welche wir beim Hanseatic Brokerhouse als CFD-Anbieter für unsere Kunden übernehmen und die sie somit vernachlässigen können.

    Andere Handelsabteilungen der Bank sahen unsere Tätigkeit durchaus kritisch, was aus meiner Sicht in erster Linie daran lag, dass die geplatzte Blase ihren Depots teilweise nicht zuträglich war und wir in der gleichen Zeit mit der Aktienarbitrage, die für volatile und leicht panische Märkte wie geschaffen schien, sehr erfolgreich waren. Ich erinnere mich an eine Vielzahl von Gesprächen, die zwischen den teils „ehrwürdigen Urgesteinen“ anderer Handelsabteilungen und den Mitgliedern meines Teams stattfanden. Der Tenor dieser Gespräche im Jahr 2000 war fast immer der gleiche. Uns wurde gesagt, dass Shortpositionen gefährlicher sein als die Spekulation auf steigende Kurse, da eine Aktie nur bis zur Null fallen kann aber theoretisch unendlich steigen kann. Wir fingen an, uns poetisch dem Thema zu widmen, ein Meisterwerk aus dieser Zeit lautet:

    „Den Fixer den hat Gott so lieb, weil er nichts hat und trotzdem gibt!“
    ("Fixer" werden Leerverkäufer  im Fachjargon genannt)

    Auch gab es nicht ganz ernst gemeinte Stimmen in unserem Kreis, die für uns proklamierten, im Sinne des christlichen Glaubens zu handeln, da geben (verkaufen) seliger als nehmen (kaufen) sei. Aufgrund der anhaltenden Gespräche entwickelten wir im Team der Aktienarbitrageure Argumente, welche wir nur zu gerne in den oben geschilderten Gesprächen einsetzten. Wir räumten ein, dass eine Shortposition mathematisch ein höheres Risiko als eine Longposition beinhaltet, wobei wir im Anschluss unseren Gesprächspartner leicht provokativ fragten, ob er denn einer Position, welche sich massiv gegen Ihn entwickelt, einfach dabei zusehen würde. Hier fanden wir also ein schlagendes Argument. Eine klug platzierte Stoporder nimmt der Shortposition das mathematische Risiko, dass der Kurs der Aktie theoretisch unbegrenzt steigen kann.

    Nachdem wir diese Argumentationskette mehrfach erfolgreich in Diskussionen platziert hatten, entwickelte sich hieraus eine Philosophie in unserem Team, dass Leerverkäufe dem Markt nicht schaden, im Gegenteil ihm sogar dazu verhelfen, gesund zu sein. Denn Kauforders alleine reichen nicht aus um einen Markt liquide zu machen, des weiteren können Leerverkäufe dazu dienen, eine kurzfristig überkaufte Marktsituation aufzulösen. Schlussendlich ist es doch das Übereinkommen zwischen Angebot und Nachfrage, welches den fairen Preis eines Marktes bestimmen soll, und hierzu gehört nach meiner Auffassung auch die Fraktion derjenigen, welche „umgekehrt“ spielen und zunächst verkaufen um dann zurück zu kaufen.

    Ich erinnere mich noch gut, wie ich im Februar 2000 an vielen Bushaltestellen die Werbeplakate der größten deutschen Tageszeitung gesehen habe, die in großen Lettern den vorbeigehenden Passanten folgende Frage stellte: „Heute schon gedaxt?“ Wenige Wochen später, als die Märkte sich südlich neigten, gab es diese Plakate nicht mehr, aber die angesprochene Zeitung fand schnell die Schuldigen, welche Ihre „Plakat-Kaufempfehlung“ zunichte gemacht hatten. In dramatischer Art und Weise wurden die Leser unterrichtet, dass einige wenige Spekulanten, welche Aktien verkaufen können ohne diese zu besitzen, maßgeblich für den Kurseinbruch verantwortlich sind.


    Mit der richtigen Strategie macht Abstürzen Spaß...

    Bei Kurseinstürzen in der Vergangenheit kam es schon oftmals zu einer regelrechten Hexenjagd auf das Lager der Leerverkäufer. Als im 17. Jahrhundert Tulpen in den Niederlanden zu einem begehrten Statussymbol für den Vorgarten wurde, hatte dies zur Folge, dass die Preise für Tulpenzwiebeln rasant in die Höhe schossen. Als diese erste Spekulationsblase der Neuzeit 1637 platzte und die Preise in den Keller rutschten, waren auch hier die Schuldigen schnell gefunden: Findige Kaufleute hatten sich die wertvollen Tulpenzwiebeln zu dem Zweck geliehen, diese auf dem hohem Preisniveau zu verkaufen um zu einem späteren Zeitpunkt, zu dem der Preis des Spekulationsobjekt gefallen war, die geliehenen Zwiebeln bei dem Leihgeber zum niedrigern Preis zu  bezahlen, die Differenz konnten sie als Gewinn einstreichen. Die Holländer nannten diese Art des Geschäftes „Windhandel“, und es dauerte nicht lange bis den findigen Kaufleuten, welche diese Geschäfte durchführten, unterstellt wurde, dass diese die Auslöser für den Preisverfall der Tulpenzwiebel sein. Nachdem sich die Aktienbörsen im 18. und 19. Jahrhundert etabliert hatten, wurde der „Windhandel“, welcher nun Leerverkauf genannt wurde, auch hier betrieben. In England wurde diese Art des Geschäftes bis Ende des 19. Jahrhunderts verboten. Nach dem Wallstreet Crash 1929 wurden auch in den USA die Möglichkeiten des Shortsellings stark beschränkt. Seitdem gab es bei nahezu jedem Kursverlust Anschuldigungen, dass zumindest eine Teilschuld an dem Kursverfall im Lager der Leerverkäufer zu suchen ist.

    Wenn Sie in den letzten Wochen nicht die amerikanischen Wirtschafts- und Börsennachrichten verfolgt haben, werden Sie sich vielleicht fragen, warum ich mich genau zum jetzigen Zeitpunkt diesem Thema zuwende. Wir haben mehrfach in unserem Market Report über die sogenannte Subprimekrise berichtet, unter anderem auch über den Beinahe-Konkurs des Investmenthauses Bear Sterns. Da seit diesem Vorfall viele Gerüchte über das nächste „Opfer“ - vielleicht sollte man bei näheren Betrachten eher von einem „Täter“ sprechen - der Krise im Markt herumgeistern, hat die Amerikanische Aufsichtbehörde SEC jetzt eine bemerkenswerte Regelung erlassen, welche besagt, dass bei 19 Aktien der Finanzbranche, darunter unter anderem auch Adressen wie Citigroup, Deutsche Bank, Goldman Sachs und UBS, ein Shortgeschäft nur dann getätigt werden darf, wenn der Verkäufer die Belieferung des Geschäftes zum Zeitpunkt des Geschäftes nachweisen kann.

    Dass ein Shortseller am Aktienmarkt seinen Trade beliefern muss, ist nichts neues, allerdings bringt die neue Regel der SEC nun mit, dass Händler die Wertpapierleihe dokumentieren müssen, wovon sich die Behörde verspricht, solche Geschäfte – zumindest kurzfristig – stark einschränken zu können. Die Regulierung  gilt zunächst bis Mitte August, eine Verlängerung ist durchaus möglich. Parallel beschäftigt sich die SEC mit der Prüfung, wie und in welchem Umfang die neue Regel auf den Gesamtmarkt angewendet werden kann. Dies ist insofern bemerkenswert, da die SEC erst im vergangenem Jahr die sogenannte „Uptick-Regel“ abgeschafft hatte, welche besagte, dass Leerverkäufe nur getätigt werden konnten, wenn der Preis anstieg – also quasi als Verkaufslimit (Orderart Limit Sell Short) – und nicht als Market Order die Geldseite bedienen durften. Ob und welche Regeln von der SEC für den Gesamtmarkt implementiert werden, ist zum aktuellen Zeitpunkt schwer zu sagen, es wird wild spekuliert ob die Uptick-Regel ihre Renaissance erleben wird oder die bestehende Regulierung für die 19 Finanzaktien auf den Gesamtmarkt angewendet werden. Manche Marktakteure halten es sogar für denkbar, dass Leerverkäufe an die bestehende „Circuit Breakern“ Regel gebunden werden, und somit Shortgeschäfte untersagen werden könnten, wenn ein Handelsinstrument um einen bestimmten Prozentsatz gefallen ist.

    Bei der Bekanntgabe der SEC-Regulierung stellte ich mir die Frage, ob die Shortseller wirklich der Auslöser der aktuellen Krise sind oder ob die SEC nur versucht, einen Sündenbock zu finden und den Markt zu beruhigen. Interessant finde ich hierbei, dass fast zeitgleich zur neuen Regulierung bekannt wurde, dass der FED-Chef Ben Bernanke beabsichtigt, den Wallstreet-Häusern auch 2009 mit Notkrediten zur Seite zu stehen. Dass eine solche Bekanntgabe manche Bank dazu animieren könnte, weiterhin risikobehaftete Geschäfte durchzuführen, welche aus meiner Sicht die Hauptursache der aktuellen Krise darstellen, wird von der SEC und dem Lager, welches zur Zeit mit erhobenem Finger auf die Shortseller zeigt, nur selten kommentiert.

    Ich bin mir natürlich bewusst, dass Shortselling - gerade in Kombination von böswillig gestreuten Gerüchten - in keiner Weise löblich ist. Auch weiß ich, dass manch ein Hedgefonds durch solche Geschäfte Unternehmungen unnötig in Schwierigkeiten gebracht hat. Allerdings fällt mir bei der Diskussion über dieses Thema in den letzten Jahren immer wieder auf, dass die Argumentation gegen den Leerverkauf recht einseitig geführt wird. Ich frage mich, warum es z.B. von der SEC keinerlei Regulierung gibt, die die Möglichkeit der  Eröffnung von Longpositionen einschränkt. Dies mag sich auf den ersten Blick komisch anhören aber Märkte, und somit Ihre Teilnehmer, also wir, neigen zur Übertreibung nach unten wie nach oben. Deswegen halte ich die Shortfraktion für einen Teil des Gesamtmarktes, welche dazu beiträgt, dass die Kursfindung durch Angebot und Nachfrage, und nicht durch Regulierungen und Politik, zustande kommt.

    Niemand hat nach dem Kursanstieg Mitte der neunziger Jahre mit einem Finger auf die Bullen gezeigt, und nach Regulierungen gefordert, dass diese zukünftig den Markt nicht derartig überkaufen dürfen. Auch stört es nur die wenigsten Akteure, welche sich über die „Shorties“ aufregen, dass andere Spekulanten Rohstoffe für sich entdeckt haben, und fortwährend die Preise über Spekulationen an den Terminmärkten zu neuen Höchstkursen treiben. Das deswegen das Autofahren und der Einkauf im Supermarkt bei uns in den letzten Jahren spürbar  teurer geworden sind, mag für uns in Europa hinnehmbar sein. Allerdings fällt es mir schwer, die Tatsache nicht zu berücksichtigen, dass die angesprochenen Spekulationen ein Grund dafür sind, dass in anderen Regionen  der Welt Grundnahrungsmittel wie Reis für die dort lebenden ärmeren Bevölkerungsschichten kaum mehr bezahlbar sind.

    Liebe Leser, ich gebe hier natürlich nur meine private Meinung wieder, schlussendlich muss jeder Anleger selber wissen auf welche Art und Weise – und mit welchen Positionsrichtungen – er sein Geld verdienen möchte. Wir bieten Ihnen die Möglichkeit, an steigenden sowie an fallenden Märkten partizipieren zu können. Ob sie dieses nutzen ist Ihre freie Entscheidung. Ich glaube daran, dass bei der Auswahl der Handelsposition weniger die Spekulationsrichtung im Mittelpunkt stehen sollte. Long- und Shortpositionen sind seit jeher Bestandteil der Preisfindung und damit Stützen eines gesunden Marktumfeldes. Ein solches Marktumfeld brauchen Akteure beider Lager für das einheitliche Ziel, welches in verschiedenen Nuancen (Spekulation, Hedging, Übernahmen etc.) uns alle verbindet: Wir möchten Geld verdienen.

    Da der Dax heute endlich wieder nach unten geht werde ich also gleich eine Shortposition eröffnen. Demjenigen, der den Gegenpart am Markt zu  meiner Order stellt, wünsche ich, dass er sich morgen über einen Kursgewinn freuen kann, aber erst nachdem ich mich heute Abend zu (hoffentlich) billigeren Preisen wieder eingedeckt habe. Somit treffen sich ein Bulle und ein Bär in einem Trade, und beide können glücklich sein, wenn auch nicht im gleichen Moment.

    Ich wünsche Ihnen gute (Handels-) Entscheidungen,

    Matthias Pickert
     

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